Drei Tage und drei Nächte dauert das berühmteste Bläserfestival Serbiens, in ihren Träumen aber verfolgt das Spektakel die jährlich 300.000 Besucher noch Monate später: Wie in Trance wandeln sie dann wieder durch die engen Gassen von Guca, der 3000-Einwohnergemeinde 150 Kilometer südlich von Belgrad, wo jedes Jahr am letzten Augustwochenende die Zeit außer Kraft gesetzt wird. Von morgens bis tief in die Nacht wabern, stampfen und stöhnen die Klänge derTubas, Trompeten und Hörner durch das Dorf.
Mehr als siebzig Blaskapellen - die Sieger der im ganzen Land ausgetragenen regionalen Vorentscheide - scharen sich in unzähligen Zelten um Tische und Bierbänke und beschallen mit ihren Instrumenten Großfamilien ebenso wie jugendliche Freundeskreise, die es sich bei Schwein vom Spieß, Krautsalat, Kartoffeln und Slibovic gut gehen lassen. Klassiker wie den Partisanensong "Kalashnikov" aus Emir Kustericas Erfolgsfilm "Underground" kann hier jedes Kind mitpfeifen, immer und immer wieder werden die Hits von Kassette oder CD aus Dutzenden Lautsprechern abgespielt.
Nur die besten der besten Bläserbands Serbiens schaffen es bis nach Guca, und auch an den Gesichtern der Besucher ist das mal euphorische, mal verzweifelte Gefühl des Auserwähltseins schon lange vor dem Abschlusswettbewerb im großen Stadion deutlich ablesbar. Vor mehr als vierzig Jahren zum ersten Mal veranstaltet, fristete der Wettstreit um die Goldene Tuba für den besten Trompeter zunächst ein Schattendasein im sozialistischen Jugoslawien, ehe Mitte der achtziger Jahre immer mehr Zuschauer den Weg nach Guca suchten.
Heute ist das Treffen zum größten Blasmusikfestival der Welt avanciert. Gelegen in der hügeligen Gegend um Cacak, wo während des Zweiten Weltkriegs der Führer der monarchistischen Tschetniks, Draza Mihalovic, seine Hochburg hatte, lässt sich die Begeisterung der Besucher für die heimische Volksmusik nicht trennen vom serbischen Nationalismus der Ära Slobodan Milosevics. Dessen Anspruch, dem 1999 von der Nato bombardierten Land zu neuem Ansehen zu verhelfen, teilen in Guca fast alle: Dutzende von Männern und Jugendlichen spazieren in T-Shirts mit dem Konterfei des als Kriegsverbrecher angeklagten Radovan Karadzics über das Festivalgelände, auch die zu Titos Zeiten verbotenen Spitzmützen der Tschetniks erfreuen sich großer Beliebtheit. "Samo sloga spava Srbija", "Nur die Einheit rettet Serbien ", für diese mythische Formel stehen die vier kyrillischen S im serbischen Nationalwappen - und die Besucher von Guca zeigen, dass diese Einheit nach den Kriegen der neunziger Jahre auch friedlich hergestellt werden kann.